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Das Märchen vom Wandel der Zeit

Das Abschiedslied der Kräuterfrau

In den Zeiten der magischen Welt, lange bevor die Zivilisation das Land mit sich riss, saß eine alte Vettel im Raum der Ewigkeit; vor ihrem Spiegel und kämmte ihr inzwischen aschgrau gewordenes; langes Haar. Sie sang eine noch ältere Weise von der sie schon als Kind gehört:

Güldene Strähne,
prachtvoll glänzend
wellig schön und samtig weich,
Zauber - Zauber meiner Ahnen
lässt die Winde wehen sogleich.

Als sie die erste Strophe gesungen hatte rührte sich draußen in der lauen Frühlingsnacht ein leichter Wind. Andächtig sang sie die Zeilen erneut und kämmte die Zusen mit solch einer Inbrunst, dass jeder hätte vermuten können - die Haare, sie fielen ihr einzeln heraus. Doch bei jedem mal, so die ersten Zeilen der Weise erklangen, schien es als kehrte die Kraft der Jugend in ihren alternden Körper zurück.

Während sich die Winde im Freien erhoben, zogen dunkle Wolken über das Land. Schon bogen sich die Bäume unter den Böen die nun heftig über das Tal zogen und neigten ihre Äste. Die Vettel jedoch, sang bedächtig weiter.

Arme alte Hexenseele
ich mit garst'gem Kamme quäle
Herrschaft die mit Haarschaft weilt.
Satte Haarpracht sich nun zeigt
sich im Tanz zum Winde neigt
und der Macht entgegeneilt.

Im Augenblick da die Zeilen des Liedes erklangen, tanzten die jungen Pflanzen auf dem Feld, als sei dies das Letzte, was sie zu tun gedachten. Die Ackergäule im Stall blähten ihre Nüstern und waren dabei, sich in ihren Ängsten zu erheben. Ungestüm peitschte der Regen gegen ihre Stalltore. Kaum ein Mensch wagte sich die Strasse des Dorfes zu betreten und so blieb ein jedermann, wo er gerade war und wähnte sich in Sicherheit. Die Bauern in den Wirtshäusern steckten die Köpfe zusammen, aufgeregt tuschelnd, wussten sie sich mancherlei zu berichten. "Die Alte singt wieder", flüsterte es von Mund zu Ohr. Und jede Seele wusste um die Bedeutung des Liedes nur aus den Erzählungen ihrer Ahnen. Die Spekulationen trieben die Geister der Debattierenden in die phantastischsten Befürchtungen. Schlussendlich wurde man sich einig - dies war das Abschiedlied der Kräuterfrau.

Im Raum der Ewigkeit hielt die Zeit inne und seufzend beugte sich die alte Vettel ihrem Wandel. Unaufhörlich sang sie ihr Lied. Mit jedem Ton der über ihre Lippen kam, erklang die Stimme schwächer. Leise erschallte die alte Weise dennoch fort. Nur ein kurzer Augenblick; indem die Stille die Unendlichkeit erfüllte. Doch schon im nächsten Moment erklang ihr Gesang von neuer Leidenschaft erfüllt.

Voller Glanz - im Pferdeschwanz
So den Zopf ich binde,
beruhigen sich die Winde

Der tobende Sturm legte sich. Am Morgen brach die Sonne das Wolkenband am Horizont. Die Vögel schienen eine Botschaft zu trällern, so hell und klar als hätte nie ein Lüftchen ihre Federn berührt. Es war als erwachte die Welt zu neuem Leben.

Sorgsam nahm das Mädchen ihr Haar im Raum der Ewigkeit zusammen und band es zu einem dicken Zopf.

Es ist eine neue Kräuterfrau angekommen, wussten die Menschen zu berichten. Noch in derselben Nacht da die Alte gegangen war, sah man aus der Ferne den Schatten einer blutjungen Maid im Schein der Kerzen durch das Haus der alten Vettel huschen.

24.5.10 23:21
 


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