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Das Ende eines Sommers - Märchen

Das Schweige im Walde …

Die kleine Waldnymphe lag traurig auf ihrem umgefallenen Baumstamm. Seit Tagen erfuhr sie nicht eine Geste der Hoffnung. Hatte die Sonne sie vergessen? War sie am Ende gar untergegangen und das obwohl der Sommer nicht einmal ganz vorüber war? Noch flogen die weißen Spinnenfäden und auch die Beeren an den Sträuchern leuchteten in sattem Rot …

Herbstnebelkälte durchzog am Morgen die Glieder der kleinen Waldnymphe, doch sie bemerkte die Kühle kaum. Sie trauerte um den Sonnenschein, der noch vor wenigen Wochen ihr Herz erwärmt hatte. Einsam kauerte sie sich zusammen und wartete voller Sehnsucht darauf, dass ein Sonnenstrahl, sie zärtlich wach küsste.

Vergangen war die Wärme des Frühlings in ihr längst noch nicht, doch wurde es Herbst. Die Blätter fielen und bald schon würde aus dem empfindsamen Sonnenkind eine hartherzige Eisfee werden. Wenn nicht ein Wunder geschah das sie vor der Eiseskälte schützte, war sie verloren. Doch mit Wundern war das so eine Sache, man musste daran glauben damit sie geschahen. Und den Glauben hatte die kleine Waldnymphe längst verloren. 

„Willst du das?“, schrie sie stumm die Sonne an, die sich hinter den Wolken verkroch. „Willst du dass ich erfriere?“

Doch die Sonne hörte ihre stummen Schreie nicht.

Die kleine Waldnymphe sah ein, dass auf den Sommer der Herbst folgen musste und auch der Winter schon mit großen Schritten nahte. Das wärmende Feuer das die Sonne in ihr entzündet hatte, würde dem Frost nicht trotzen der mit kühler Hand schon bald nach ihrem Herzen griff. Die Macht der Sonne hatte ihre Kraft verloren. Die Flamme in ihr glomm inzwischen Zart.

„Herausreißen soll der Winter den letzten Funken aus meiner Brust“, dachte sie trotzig und spürte wie eine warme Regung langsam durch ihre Glieder schlich. Die kleine Waldnymphe blinzelte, irrte sie sich oder war es ein lauer Lichtstrahl, der sich da zeigte? Müde geworden, wischte sie die aufkeimende Hoffnung beiseite.

Überlebenswille kroch leise in ihre Gedanken.

„Steh auf!“, befahl ihr der Drang sich zu verändern. „Steh auf und kämpfe!“

„Wofür soll ich kämpfen, wenn mein Herz nicht auf mich hört, will es doch lieber in eisiger Winternacht erfrieren, damit die Liebe zur Sonne ein Ende findet.“ 

„Sei nicht töricht, es wird einen neune Sommer geben“, flüstert der Drang sich zu verändern hoffnungsschwanger.

„Nein“, sagt die Waldnymphe und zog aus einem Instinkt heraus ihre Beine noch dichter an ihren Leib heran, als ob sie sich so vor dem Unweigerlichen schützen könnte.

„Nein“, dachte sie, „lieber sterbe ich mit dem Herbst im Winter und erfriere. Noch einmal kämpfe ich nicht.“

„Wenn du nicht weißt, wie groß die Liebe der Sonne zu dir ist, dann hast du es nicht anders verdient“, riet ihr Gewissen zu bedenken.

„Paperlapap“, wischte die Waldnymphe den Einwand des Gewissens mit einer müden Geste ihrer Flügel beiseite. Denn auch die Flügel waren von der Kälte ganz steif geworden. Auch sie brauchten die Sonne, damit die kleine Waldnymphe fliegen konnte. Selbst wenn der Wille sie aufraffte, würden die Flügel ihren Dienst versagen. Zu lange hatte sie abgewartet und gehofft.

Nun war jegliches Gefühl in ihr verstummt – Eingefroren in winzigen Kristallen. Die Gewissheit mit der das Unabwendbare herbei nahte, ignorierte sie gekonnt. In blindem Wahn, ging sie davon aus, dass der Sommer ewig dauern würde.

Doch auf kürzere Tage, folgten längere Nächte. Die Herbstzeitlosen verblühten im Schatten der bunten Bäume und die ersten Bodenfröste, machten das Moosbett hart und unbequem. Die kleine Waldnymphe ertrug den Schmerz in ihrer Unbeweglichkeit tapfer, denn auch ihre Glieder durchzog der Frost mit Steifigkeit. Mit jedem Tag der verging wurde ihre Haut fahler und weißer.

Jedes Mal, wenn die Sonne zufällig durch das sich lichtende Blattwerk der Bäume fiel, glänzte ein zartes Lächeln auf den glasigen Wangen der kleinen Waldnymphe. Der Wandel ging langsam voran und ohne dass sie es bemerkte. Mehr und mehr zog sich das Feuer aus ihr zurück und überließ dem frostigen Eis seinen Platz in ihrem Herzen.

In einer frostklirrenden Winternacht, erfror das kalte Herz und hörte auf zu für die Sonne zu schlagen.

In jener Nacht ward die Eisfee geboren. Von wunderschöner, kristalliner Gestalt, glitzerte sie in allen Farben des Regenbogens, doch an Stelle eines Herzens trug sie nun einen harten Kristall in ihrer Brust der zur Liebe nicht taugte.

Sie war unfähig geworden, die wärme der Sonne zu spüren.

Als der Frühling kam, und mit ihm die ersten wärmenden Sonnestrahlen, erinnerte sich die Sonne an die kleine Waldnymphe die sie im letzten Jahr verlassen hatte und sie erkannte das Antlitze ihrer Liebe in dem kalten Wesen.

„Lass mich dir helfen“, sprach die Sonne. „Meine Kraft ist groß genug um das Kalte von dir zu nehmen.“

Kaum ausgesprochen, sammelte die Sonne all ihre Kraft um den Wandel umzukehren.

Da die Eisfee sich nicht vorstellen konnte wovon die Sonne sprach, sah sie schaulustig geworden zu. Sie kannte nur die kühle Zeit des Winters und erinnerte sich nicht an den Sommer in dem die kleine Waldnymphe so leidenschaftlich für die Sonne tanzte. Sie wusste nichts von der wärmenden Kraft und reckte sich den starken Strahlen entgegen.

Unter streichelzarten Sonnenstrahlen schmolz die Eisfee und tat ihren letzten Flügelschlag als tränender Tautropfen der sich auf einem Wildrosenblatt niederließ.

Seither sieht man den Tau an einem schönen Sommermorgen auf Wiesen und Blättern, denn nur in der kühlenden Nacht tanzt die Eisfee noch heute einsam durch die Wälder, ehe die Sonne sie am Morgen küsst.

19.11.12 19:59
 


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